Kapitel 1 - 4: Von der Grenze nach Königsberg

Kapitel 1

Preußen

Die russische Grenze passierend, zeigt sich der preußische Adler,
auf ein Schild gemalt und an einen Pfosten genagelt. Der Zug erreicht den
Bahnhof, die russischen Schaffner öffnen zum letzten Male die Türen der
Waggons. Man hört Deutsch. Aufgepflanzt zwei gut im Futter stehende

Deutsche in schwarzen Militärmänteln mit einer Unmenge Knöpfe

links und rechts der Brust und Helmen mit Bajonetten.

„Eydtkuhnen!“ wird von jemandem halb verschluckt, ausgerufen.

Schilder mit Pfeilen sind zu sehen sowie den
Aufschriften „Herren“, „Damen“.

Die Passagiere beginnen, ihr Handgepäck
einzusammeln und die Waggons zu verlassen. Unter ihnen

befindet sich, zusammen mit seiner Ehefrau, auch unser

junger Kaufmann, dessen berufliche Herkunft sich in

jeder Falte und jeder Bewegung äußert, wiewohl er

nach der letzten Mode gekleidet ist.

Er schlägt erst einmal mit der flachen Hand auf den Boden

seiner Melone, um dann seiner Frau mitzuteilen: „Also, Glafira Semjonowna,

jetzt sind wir im Ausland. Hier gilt es, unsere Bildung zu zeigen.

Setzen Sie ausländische Wörter ein. Setzen Sie sie ohne Scham ein,

plappern Sie einfach drauflos.“

Die junge Frau, ebenfalls modisch gekleidet, errötet und

fragt verwirrt: „Aber in welchem Land sind wir denn?“
-  „Deutschland, ist doch klar. Hinter der Grenze stehen immer die

   Deut schen, die fahren nie weg. Nehmen Sie doch Ihr Kissen selbst,

   mit dreien komme ich nicht durch die Tür. Wegen der Reisetasche

   rufen wir nach einem Gepäckträger. Wie heißt Gepäckträger

   nach deutscher Manier?“
-   „Das weiß ich nicht, Nikolai Iwanitsch, diese Wörter wurden uns in der
     Pension nicht beigebracht. Überhaupt spreche ich nicht gut Deutsch...
     immer wenn der Deutschlehrer kam, hatte ich Zahnschmerzen“.
-   „Wie kann das denn sein...Sie haben doch gesagt, dass Sie Deutsch
      gelernt haben“.
-   „Hab ich ja auch, aber nur Wörter für den Haushalt...also wenn wir im
     Zimmer sitzen und ich jemanden begrüßen möchte oder über das Wetter
      reden...“.
-   „Merkwürdig...ich habe doch selbst gehört, wie Sie Gedichte in einem
     ausländischen Dialekt vorgelesen haben“.
-   „Das war Französisch...wenn wir erst Französisch sprechen müssen,

     weiß  ich eine ganze Menge“.

-   „Was sollen wir hier in Deutschland mit Französisch? Furchtbar können
     die Deutschen die Franzosen leiden. Ein Franzose ist für die wie eine
     Kakerlake in der Erbsensuppe. Ey, Nocilchik!“ ruft der Kaufmann, „Gut
     Morgen...как вас? Kommensi... наши чемоданы. Bringensi...
     саквояжи...“
-    „Na also, kannst doch selber Deutsch!“
-    “ Zehn Wörter oder so! Da komme ich nicht weit mit. Um Alkohol kann ich
      auf Deutsch bitten, alkoholische Wörter kenn’ ich, aber den Rest kriege
      ich  nicht durch die Zähne. Ey, Xerr Nocilchik! Xerr wie-das-bei-ihnen-
      heißt-Gospodin. Vielleicht wäre es besser, etwas höflicher... Xerr
      Nocilchik! Kommt einfach nicht, die Kanaille! Ist im anderen Waggon
      verschwunden. Sollen wir das alles vielleicht selber tragen? ... Dann
      schlepp du Kissen und Zudecks,  ich nehm die Reisetasche... Na, zieh
      doch, worauf wartest du?“
-    „Da guck doch, das große Zudeck, alle passen nicht durch die Tür, die
      muss man einzeln...“
-     „Warum hast du überhaupt drei Kissen mitgenommen?“
-     „Weil ich auf einem nicht schlafen kann. Der Nacken wird steif. Außerdem
      weiß man nie, wo man hinkommt, vielleicht gibts da überhaupt keine...“
-   „Dann lass gut sein. Los, ich nehme sie, geh mit dem Hintern zuerst,
     zwäng dich durch, so...hier gibts doch bestimmt ein Zollamt. Die Deut-
     schen werden das Bettzeug hoffentlich nicht aufschlitzen und etwas darin
     suchen? So, das Daunenbett haben wir draußen. Nicht, dass sie glauben,
     wir wollten damit handeln. Besser, wir sagen ihnen, dass das Kopfkissen
     sind. Wie heißt Kopfkissen auf Deutsch?“
-   „Weiß ich nicht“.
-   „Toll. Eben hast du noch erzählt, dass du alle Haushaltswörter kennst“.
-   „Gewusst habe ichs ja, aber vergessen. Warum sind Sie denn böse auf
     mich? Sie wissens ja selber nicht!“
-   „Ich bin ein anderer Fall, ich bin Spezialist für den alkoholischen Wort-
     schatz, am Buffet bin ich am besten. Pass auf: „Bir-trinken, Schnapps-
     trinken, Seydel, Fljasche, Buterbrod. Außerdem habe ja nicht ich in die-
     sem Internat studiert. Die deutschen Wörter konnte ich bei den Deutschen
     lernen, die in unserem Laden Seile, Segeltuch und Nägel kaufen. „Eyn -
     Zwey - Drey - für Fir Rubel Zwanzig Kopeken“. Auf Deutsch rechne ich dir
     alles aus, was du willst, aber mehr auch nicht. Jetzt stell das Kissen vors
     Fenster, ich schlepp erstmal die Tasche raus. Ey, Xerr Nocilchik, Numer
     eyn und zwanzig! Komensi!“ - wieder beginnt der Kaufmann nach dem
     Gepäckträger zu rufen und zu winken.

Endlich kommt der und nimmt die Taschen, der Kaufmann und seine Frau
schleppen auf dem Rücken Kopfkissen, Regenschirm, Plaid und das wattierte
Steppbett.

-  „Zollamt, jetzt ist Zollamt, haben Sie Koffer, mein Herr?“ fragt der Träger.
-   „Weiß der Teufel, was er brummt!“ ruft der Kaufmann, „Glafira Semjonow-
    na, verstehst du was?“
-   „Wahrscheinlich will er Trinkgeld. Gib doch...“.
-   „Was ein Volk! Wegen 20 Kopeken misstrauisch und wollen das Geld im
     Voraus. Nimm, nimm...sind dreißig Kopeken. Wir kommen doch nicht mit
   Taschen voller Geld. In Petersburg sind wir solvent. Über die Banken kann
    ich anderthalb Tausend Wechsel ziehen“.

Der Träger weist das Geld zurück und sagt: „Nachher, nachher werden Sie
    bezahlen..“.
-   „Glascha, er nimmt es nicht! Sind 30 denn zu wenig?“ staunt der Kauf-
     mann, „oder will er deutsches Geld?“
-   „Aber natürlich will er deutsches Geld!“
-   „Deytsch Geld хочешь? Deytsch muss ich wechseln. Wo ist hier die
     меняльная лавка? Ich muss wechseln, понимаешь? Nichts versteht er.
    Glascha! Nun sag ihm doch auf Deutsch, was ihr gelernt habt! Brauchst
     dich nicht zu schämen, na, wie heißt  меняльная павка auf  Deutsch?.....
-   „Ach mein Gott, quäl mich doch nicht!“
-   „Nichts weiß sie. Aber bei den Madames studiert“.
-   „Die Wechselbude finden Sie im Bahnhof, der Jude dort wird Ihnen
     wechseln“, hören sie hinter sich auf russisch von einem Herrn in feinem
     Filzhut.

Der Kaufmann wendet sich um: „Merci Ihnen, erstaunlich, wie schwierig das
   ist, ohne Deutsch...nichts verstehen wir. Seien Sie doch bitte so freundlich,
   dieser Wurst da zu erklären, dass er das hübscheste Trinkgeld erhält,
   sobald ich nur mein russisches Geld eingewechselt habe...nochmals Merci..
   Verzeihen Sie, aber wie heißt denn nun меняльная лавка auf Deutsch,
   dass ich selbst fragen kann?“
-  „Wechselbude, aber der Jude dort spricht russisch“.
-  „Ancor Merci, ... Wekcelbude, Wekcelbude“ wiederholt der Kaufmann,
   „Glascha, merk dir, wie das heißt, bevor ich das in der Eile wieder verges-
    se.Wekcelbude, Wekcelbude...“

In der Tür zum Bahnhof stehen preußische Gendarmen und Zollbeamte,
sammeln die Pässe ein und lassen die Reisenden der Reihe nach passieren.

-   „Ach, da hätte ich Karl Adamitsch mitnehmen sollen“ bemerkt der Kauf-
     mann, „der ist zwar immer betrunken, aber deutsch sprechen kann er
     noch dabei“.
-   „Und warum hast du nicht?“ fragt seine Frau.
-   „Hast du nicht selbst gesagt, dass das dann eine Zechtour wird? Ich      
     hatte eigentlich auf deine Bildung gehofft“.
-   „Pff, langsam hab ich deine Bosheiten satt - du bringst es noch soweit,
     dass ich anfange zu weinen“.
-   „Dann heul doch, mir egal“.


Glafira stehen Tränen in den Augen, ihr Mann schiebt sie vorwärts.
-   „Pass!“ ruft ein Gendarm und versperrt ihnen den Weg.
-   „Glascha! Was sagt er? Was will er?“
-   „Frag mich doch nicht, keine Ahnung“.
-   „Pass!“ wiederholt der Gendarm und hebt die Hand.
-   „Herrje, will der Karten spielen? - nur pass und pass.“
-   „Geben Sie ihm doch den Passport, den Passport will er...“ sagt hinter
     ihnen irgendwer auf russisch.
-   „Den Passport? Warum sagt er das nicht, immer nur pass und pass...“

Der Kaufmann gibt ihn ihm und schlüpft durch die Tür, seine Frau

aber wird zurückgehalten, ihren Pass will er ebenfalls sehen.
-   „Glascha! Was machst du? Komm her...Glafira Semjonowna!

     Wo bleibst du?“  ruft der Kaufmann.
-   „Der lässt mich nicht!“ antwortet sie, „Lassen Sie mich durch!“
Ganz verstört stürzt sie los, aber noch lauter erklingt die Stimme des
Gendarmen: „Pass!“
-   „Ich hab Ihnen doch eynen Pass gegeben - die Ehefrau fährt über mich...
     die Ehefrau steht auf meinem Pass...Wir haben einen gemeinsamen...
     Das ist meine Ehefrau....Hören Sie, Xerr... So geht das nicht... das ist eine
     Unverschämtheit... Eyn Passport. Eyn Passport für zwey...“ erregt sich
     der Kaufmann.
-   „Я жена его.... я Frau, Frau... а он муж... это мой мари...
     mon mari...“ murmelt Glafira.
Endlich wird sie durchgelassen.
-   „Was ein Volk!“ schimpft der Kaufmann, „nicht ein Wort russisch... und
     sollen angeblich so gebildet sein, die Deutschen! Wohin du auch spuckst,
     hört man, alle mit akademischem Abschluss...Wo ist denn hier ihre
     Bildung, frage ich!? Sollen doch alle krepieren!“  
Er spuckt aus.

Kapitel 2

Gefälschte Eier

Mit gerötetem Gesicht und außer Atem sitzen Nikolai Iwanowitsch und
Glafira Semjonowna im preußischen Waggon. Vor ihnen steht der deutsche
Gepäckträger und harrt seines Lohnes. Nikolai Iwanowitsch hält in der einen
Hand eine Anzahl preußischer Münzen, sortiert sie mit der anderen und hat
entschieden keine Ahnung, wieviel er geben soll.
-   „Versteh einer, was das für Geld ist“, brummelt er, „eine wie ein fünfziger,
     die andere größer, aber nicht wie ein Rubel. Und das ganze Kleingeld...
     eine Münze für 5, eine für 50, aber alle gleich groß“.
Er wählt drei Münzen und reicht dem Gepäckträger 30 Pfennige. Der verzieht
das Gesicht und hält das Geld in der offenen Hand.
-   „Zu wenig? Das waren 30 Kopeken!“ ruft der Kaufmann und gibt ihm noch
10 Pfennig. Der Träger spuckt aus und verlässt den Waggon, ohne die Mütze
abgenommen zu haben.
-   „So eine deutsche Fresse! 40 Kopeken in ihrem Geld hab ich gegeben,
     und noch unzufrieden. Bei uns verbeugen sie sich für 40 Kopeken bis zum
     Gürtel!“ ereifert sich Nikolai Iwanowitsch seiner Frau gegenüber.
-   „Woher willst du nicht wissen, dass deren Geld vielleicht weniger wert ist?“
     antwortet sie und fügt hinzu: „Na, wozu diskutieren, ist doch schön, dass
     wir schon im Zug sitzen. Fragt sich nur, ob auch im Richtigen. Nicht, dass
     wir irgendwoanders hinfahren, anstatt nach Berlin“.
-    „Weiß der Teufel! Jeden und kreuz und quer hab ich gefragt, und alle nur
      Berlin Berlin Berlin und zeigen mit dem Finger auf den Zug“.
Nikolai Iwanowitsch lehnt sich aus dem Fenster und ruft: „Ey, Xerr Konduk-
    top, Berlin здеcь?“
-   „Ohja, mein Herr, Berlin“
-   „Da hörst du’s. So, jetzt sind wir zwischen der russischen Grenze  und der
     deutschen. Kaum eine Kanaille hat russisch gesprochen, außer dem
     Wechseljuden“.
-   „Naja, mit Juden werden wir uns wohl noch öfter unterhalten, die gibts
     sicher schon überall“.
-   „Sag mal Glascha, kannst du wirklich kein Gespräch führen außer über
      Haushalt?“
-   „Über Essen noch“.
-   „Na, Gott seis gedankt, wenigstens Essen. Da müssen wir zumindest
     nicht Hungers leiden. Du fürs Essen, ich für den Alkohol und die anderen
     Getränke. Hast du wenigstens verstanden, was der Deutsche vom Zoll
     wissen wollte?“
-   „Ach, der hat sich nur nach Tee und Tabak mit Papirossi erkundigt.
    Tz, Tabak mit Papirossi...“
-   „Na, das hab ich auch noch mitgekriegt. Aber er hat doch noch was
     gefragt?“
-   „Nichts weiter. Fragt nach Tee und Papirossi, und ich sag nichts und
     zittere, hab gedacht, jetzt kommt er gleich und betatscht das Kleid“.
-   „Und wo hast du den Tee und die Zigaretten?“
-   „Im Reifrock. Zwei Pfund Tee und fünfhundert Zigaretten für dich“.
-   „Nett von dir. Jetzt haben wir zumindest Tee und Papirossi. Als Fjodor
     Kirillitsch aus dem Ausland zurückkam, erzählte er, dass deren Tabak
     wohl aus Kohlblättern sei und der Tee für den Schweinetrog. Aber das
     Bier  hier - das macht schön schwummerig. Hab schon ein paar Krüge
     gekippt - einfach wunderbar. Die Butterbrote mit Wurst sollen auch gut
     sein. Ist ein Wurstland.
-   „Würste sind ja schön und gut, aber wer weiß, aus was sie diese Würste
     machen, vielleicht aus Katzen und Hunden. Nein, deren belegte Brote
     esse ich nicht. Ich hab eigene Brötchen eingesteckt, Käse habe ich und
     Kaviar“.
-   „Willst du die überhaupt nicht essen, Herzchen?“
-   „Würste? Nie im Leben! Ich werd überhaupt nichts essen hier, außer
     Koteletts und Beefsteak. Man sagt, die Suppe hier kochen sie aus
     Fischschuppen, Eierschalen und Heringsköpfen“.
-   „Echt?“
-   „Das hab ich von vielen gehört. Stand auch in der Zeitung. Unser deut-
     scher Mieter, der Klavierstimmer, der im Haus von Papenkin wohnt...
     ein gebildeter Deutscher, und was isst er anstelle von Suppe? Bröselt
     sich Brotrinde ins Bier, ein Ei dazu, aufgekocht und fertig ist die Suppe.
     Deren Köchin erzählt: Die, sagt sie, kauen auf beiden Backen, aber mir
     bleibts in der Kehle stecken. Ich, sagt sie, ernähre mich an diesen Tagen
     nur von Kaffeesatz und Teegebäck. Fische werd ich bei den Deutschen
     auf keinen Fall essen“.
-   „Warum denn keinen Fisch? Fisch ist Fisch, oder?“
-   „Ich hab Angst, dass sie mir statt Fisch Schlangen vorsetzen. Schlangen
     und Frösche essen sie auch“.
-   „Das sind die Franzosen“.
-   „Die Franzosen, und die Deutschen auch. Die sind noch schlimmer. Ich
     hab selbst gesehen, wie die Frau des Klavierstimmers eine Schlange
     im Korb vom Markt zum Abendessen nach Hause schleppte“.
-   „Das war ein Aal, aber keine Schlange“.
-   „Doch, eine Wasserschlange. Nein, bei denen keinen Fisch, keine Wurst,
     keine Suppe, um nichts in der Welt... Beefsteak, Koteletts, Brötchen.
     Piroggen auch, aber nur mit Kohl. Eier. Alles, wo man zumindest sieht,
     was es wirklich ist“.
-   „Bei ihnen soll es gefälschte Eier geben“.
-   „Spinnst du! Wie kann man Eier fälschen?“
-   „Mit einer künstlichen Alabasterschale, und drinnen steckt aller möglicher
     chemischer Dreck. Hab ich vor kurzem noch gelesen, dass sie fälschen“.
-   „Pfui, pfui! Kaffee werde ich trinken mit Brötchen“.
-   „Der Kaffee ist auch gefälscht. Hier kochen sie Erbsen, Roggen und
      Zichorien“.
-   „Na, das ist wenigstens kein Abfall“.
-   „Richtige Butter haben sie auch nicht. Nur Margarine. Wahrscheinlich
     haben wir die schon gegessen, weil aus Margarine macht man auch...“
-   „Sag nicht, sag nicht!“  winkt Glafira ab, „Nichts Gebratenes werde ich
     essen...“

Leise setzt sich der Zug in Bewegung.
-   „Jetzt fahren wir auf deutscher Erde. Ins Königreich der Biere und der
      Würste führt uns die Fahrt“, resümiert Nikolai Iwanowitsch.

Kapitel 3

Eine Frage des Charakters

Wie ein Pfeil fliegt der Zug von Eydtkuhnen Richtung Berlin, nicht nur

die kleinen Stationen, auch unbedeutendere Bahnhöfe auslassend

und selbst an den größeren nur zwei Minuten haltend.

Wie in einem Kaleidoskop huscht die Landschaft an den Waggonfenstern

vorbei: kleine Dörfer mit Obstgärten vor den steinernen Häuschen,

glatte, wie geleckte Wiesen und Felder, saubere, wie ausgeharkte

Pflanzungen mit jungen Gehölzen, ordentlich in Reihen gesetzt,

feste Feldwege, die unter Brücken die Gleise kreuzen.

Ein Ausruf der Verwunderung entfährt unseren Reisenden, als sie auf einem

dieser Wege ein Wägelchen entdecken, das von zwei Hunden gezogen wird.
-  „Guck dir das an, Glascha, das Fass lassen sie von Hunden ziehen - was
    ein Volk!“
-  „Ich seh’s, ich seh’s... die armen Tiere, die Zunge hängt ihnen schon aus
    dem Hals, so schwer müssen sie ziehen. Und der Mann geht hinterher,
    Hände in den Taschen und die Pfeife im Maul. Kann das sein, dass es
    hier keine Tierschutzorganisation gibt?“
-  „Scheinbar nicht, sonst würde irgendein Mitglied dieser Gesellschaft diesem
    Pfeifenkopf etwas hinter die Löffel geben: welches Recht hast du denn,
    Tiere zu quälen? Was für ein Volk! Hunde vor einen Wagen spannen! Wer
    außer den Deutschen käme auf so eine Idee. Bei uns machen sie so was
    nur im Zirkus, als Kunststückchen, und hier: bei der Arbeit. Das Sprich-
    wort ist richtig: der Deutsche ist hinterlistig und hat sich den Affen ausge-
    dacht!“
-  „Vielleicht ist er ein Akrobat, der hier mit seinen dressierten Hunden übt?“
-  „Ach was, wozu hat er dann das Fass und die Kohlkisten auf dem Wagen?
   Arm sind sie, ein Pferd können sie nicht füttern, da sind sie auf Hunde ver-
   fallen... da hinten ist noch einer, einen Wagen mit Stroh ziehen sie...
   wenn sie man nicht auf die Idee kommen, noch Katzen anzuspannen...“
-  „Na abwarten, würde mich nicht wundern, wenn wir das auch noch sehen..“

Wieder steinerne Bauernhäuser mit Ziegeldächern, Vorgärten,eingezäunt

mit akkurat gestutzen Hecken, und in diesen Vorgärten Frauen

mit bebänderten Strohhüten, die in den Beeten graben.

-   „Guck dir das an! Mit Hut und im Gemüsegarten arbeiten!“ staunt
     Glafira, „Sind das tatsächlich deutsche Bauersfrauen?“
-   „Müssten. Karl Adamitsch erzählt, dass bei ihnen die Bäuerinnen sogar auf
     dem Fortepiano spielen, und zu Feiern machen sie sich selbst Eiskrem“.
-   „Eis? Nun hör aber auf! Und wieso erzählen sie bei uns, dass die
     Deutschen aus Hunger nach Russland fahren? Wo sie doch Eiskrem
     haben?“
-  „Naja, vermutlich grummelt der Bauch von Eiskrem noch stärker, wenn
    man weiter nichts isst. Aber das glaube ich nicht, dass sie vor Hunger...
    Was für ein Hunger soll hier sein, so lange fahren wir schon durch Dörfer,
    und keine einzige verfallene Kate haben wir gesehen. Sogar Strohdächer
    nicht. Die Deutschen kommen ganz einfach wegen der leichteren Arbeit
    zu uns. Hier graben sie die Beete um, aber kaum bei uns, haben sie eine
    leitende Stelle auf dem Gutshof. Hier irgendein Gitarrist, der für’n paar
    Groschen und Speise und Trank aufspielt, und bei uns sofort

    Klavierstimmer, dem man fürs Kommen anderthalb Rubel zahlen muss“.

Wieder Frauen mit Hüten und Rechen. Sie stehen vor einer Eiche, und eine
schlägt gegen die Äste, dass die gelben Blätter herabfallen, die andere fegt
diese zu kleinen Häufchen zusammen.
-  „Wofür sie nur die Blätter benötigen?“ wundert sich Glafira, „schau, wie sie
    sich anstrengen“.
-  „Die sind schlau, die Deutschen, das weißt du doch: kann sein, dass die
   Blätter in irgendein Essen wandern...“ vermutet Nikolai Iwanowitsch,
   „vielleicht kochen sie das zusammen mit irgendetwas anderem für die
    Hunde, die die Wagen ziehen müssen...“
-  „Seit wann essen denn Hunde Eichenblätter!“
-  „Wenn sie Hunger haben... oder wenn man die Blätter mit
    Hafergrütze mischt und aufkocht“.
-  „Ach was, die sind zum Salzen, für Salzgurken und Johannesbeeren

   kann man zum Einlegen auch Eichenblätter nehmen“.
-   „Aber keine gelben“.
-  „Vielleicht brauchen sie gerade Gelbe“.
-  „Also statt hier herumzurätseln, könntest du dich bemühen und versuchen,
    irgendwen auf Deutsch zu fragen - da, bei der Dame, die Strümpfe strickt“,
    deutet Nikolai Iwanowitsch auf die gegenübersitzende Passagierin, die
    emsig mit ihren Nadeln klappert, „aber wahrscheinlich weißt du nicht, wie
    gelbes Laub auf Deutsch heißt...“
-  „Ich hatte bereits erwähnt, dass man uns nur Haushaltswörter gelehrt hat“.
-  „Tolle Pension, und der ganze Unterricht für nur fünf Rubel im Monat“.
-  „Sogar zehn“.

Über die deutsche Passagierin verwundern sie sich allerdings nicht wenig:
diese fing an, Strümpfe zu stricken, kaum, dass sie zugestiegen war, und im
Verlaufe der nächsten zwei Stunden ist sie damit unaufhörlich und ohne
Pause beschäftigt.

-   „Wahrscheinlich fehlt ihr zu Hause die Zeit, zu stricken?“ fragt Glafira.
-   „Vielleicht, kann aber auch eine Frage des Charakters sein... die Deut-
     schen sind so ein Volk....die strickt noch Socken, wenn sie schon im

    Grab liegt...“ bemerkt Nikolai Iwanowitsch.

Der Zug jagt dahin, die Eheleute verzehren Brötchen mit Käse und Kaviar.
Nach dem Salzigen bekommen beide Durst, aber Getränke sind nicht vorhan-
den und bei den kurzen Stopps rennen sie nicht zu den Buffets, aus Angst,
der Zug führe ohne sie weiter.

-   „Hol doch der Teufel dieses deutsche Elend mit den zwei-Minuten-Halts!
     Zum Gotterbarmen, nicht mal zum Buffet kann man“ ärgert sich Nikolai
     Iwanowitsch, „der Zug hält, fünfzig Passagiere steigen aus, fünfzig steigen
     ein - und weiter gehts. Keine warnende Glocke - nichts. Ein Pfiff - und ab.
     Zivilisiert soll das sein... was zum Teufel für eine Zivilisation, wenn ein
     Mensch während des Aufenthaltes nicht mal ein Glas Bier trinken kann?“

-  „Tja, vielleicht nehmen die Deutschen immer Getränke selber mit... ist ja so
    ein sparsames Völkchen...“ überlegt Glafira.
-  „Ich hab noch nicht gesehen, dass die im Waggon etwas trinken, lesen nur
   Zeitungen und rauchen Zigarren dabei... jetzt haben wir schon so viele
   Reisende gesehen, da hätte sich ja mal eine Flasche zeigen müssen: aber
   nichts, belegte Brote ja, Getränke nein. Nee nee, in dieser Hinsicht ist es
   bei uns besser: der Zug hält auf irgendeinem Bahnhof, du stehst und
   stehst, keine Ahnung, ob es überhaupt weitergeht. Kein Problem, kannst
   nach Herzenslust  essen und trinken, sogar einen über den Durst. Es
   klingelt das erste Mal, na, kein Grund zur Eile, schlenderst rüber zu den
   Läden und kaufst dir Wjasemsker Kringel, kannst dir sogar noch die
   Schuhe aus Torshok angucken, dann das zweite Klingeln, das dritte, und
   der Zug steht immer noch, bis einem Schaffner einfällt, dem Lokführer zu  
   pfeifen, damit der das Abfahrtssignal gibt... nee, ist schon besser bei uns...“

Neuerlicher Halt. „Bahnhof so-und-so“, ruft der Schaffner und fügt hinzu:
    „Zwei Minuten!“.
-  „Schon wieder nur zwey Minuten, da hol sie der Teufel...“
-   „Da steck dem Schaffner doch Geld zu und bitte ihn, ob er uns nicht Bier
     in den Waggon bringen kann...“ schlägt seine Frau vor, „das Glas
     bezahlen wir...“.
-   „Bitte ihn...leicht gesagt, bitte ihn..wie willst du hier bitten, wenn du die
     Sprache nicht sprichst? Hatte auf dich gehofft, und deinen Unterricht,
     aber Deutsch kommt dir zum Verrecken nicht über die Lippen...“
-   „Wörter aus dem Haushalt kenne ich, aber hier gehts um Alkoholisches.
     Das ist dein Part. Hast doch selbst geprahlt, dass du alles zum Besten
     weißt - nun, bitteschön, geh hin und frag“.
-   „Mach ich auch!“
Nikolai Iwanowitsch zieht ein silbernes Markstück aus der Tasche, zeigt es
dem vorbeilaufenden Schaffner und ruft: „Ey, Xerr! Xerr Konduktor! Komen-
   si! Вот вам немецкая Poltina (½ Rubel)...Deytsch Poltina...Bir trinken
   можно? Bringensi Bir...боюсь выйти из вагона, чтобы он не уехал...
   два bir...zwey Bir...для меня и для мадам...zwey Bir...a oстальное -
   nemensi на чай...“

All dies begleitet von Gesten. Der Schaffner versteht, das Bier,

vom Buffetkellner gebracht, erscheint. Beide Gläser werden

begierig geleert. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung.

Kapitel 4

Abendessen nach Telegramm

Das getrunkene Bier bewirkt  bei Nikolai Iwanowitsch und Glafira Semjonowna

indessen einen noch größeren Durst.
-   „Gott! Jetzt irgendwo einen Tee trinken“ verlangt es Glafira, „sollte der Zug
     tatsächlich so weiter nach Berlin rasen? Wo sollen wir zu Mittag essen?  
     Wo ein wenig zu Abend? Meinetwegen auch nur irgendwo ein Beefsteak
     oder etwas Suppe löffeln. Wir können uns unmöglich den ganzen Weg
     von Käse und Kaviar ernähren. Außerdem reicht das Brot nicht. Was ist
     das für ein Leben, nichts zu Trinken, nichts zu Essen - Herr erbarme
     Dich!“
-   „Aha. Beschwert sich schon!“ neckt sie ihr Mann, „warum wollte sie denn
     ins Ausland? Könntest jetzt schön zu Hause in der Ligowka sitzen“.
-   „Zum Eiffelturm wollte ich, zu den Franzosen zur Ausstellung“.
-   „Da ist es auch nicht besser. Warte nur, vielleicht fängst du auf dem
     Eiffelturm an, vor Angst zu heulen“.
-   „Nikolai Iwanitsch, nun bitte doch den Kondukteur nochmal um Bier“.
-   „Moment, lass uns doch bis zur nächsten Station fahren“.

Aber auf der Station, wie zur Strafe, wird nur eine Minute gehalten.
Der Zug bewegt sich mit einer unveränderlichen Schnelligkeit.

Vor dem Fensterfliegen pausenlos Häuschen, Felder mit Wintersaat,

ebene, gemähte Wiesen, Fabrikschornsteine oder Gärten und

Gemüsebeete vorbei. Überall kultiviertes Land oder Gebäude.

-   „Wo die bloß ihre Brachen haben? Und die Sümpfe?“ wundert

    sich Nikolai Iwanowitsch.

Der Zug jagt einen Schwarm Vögel auf, die neben den Gleisen auf einem
Acker sitzen. Sie kreischen und fliegen davon - mit den Schwänzen voraus.
Glafira Semjonowna bemerkt dies als erste und macht ihren Ehemann

darauf aufmerksam: „Schau, hier gibt es auch merkwürdige Vögel,

    die fliegen rückwärts, mit dem Hintern voraus“.

Nikolai Iwanowitsch guckt aus dem Fenster und wundert sich auch

im ersten Moment, sagt dann aber: „Aber nicht doch, der Zug überholt sie,

    deswegen sieht es so aus“.
-  „Nein, nein, ich lass mich von dir nicht verkaspern, als ob ich das nicht
    verstünde... da guck doch: die fliegen rückwärts... das sind so deutsche
    Vögel...ich glaube, über diese Vögel habe ich in der Pension auch etwas
    im Unterricht gehört...“ lässt sich Glafira nicht verunsichern.

Der Schaffner erscheint zur Fahrkartenkontrolle.
-   „Bir trinken...Где можно Bir trinken и поесть что-нибудь ?“ bedrängt ihn
    der Kaufmann.
-   „Эccen, Эccen...“ erklärt Glafira und errötet, weil sie Deutsch gesprochen
     hat, „Bir trinken, Te trinken, Kaфе trinken и эccen?“ fährt sie fort.

Der Schaffner versteht, dass er etwas gefragt wurde, und antwortet: „Königs-
     berg...in Königsberg werden sie zwölf Minuten stehen...“.
-   „Поняли, поняли. Ser gut. В Кёнигсберге лвенадцать минут. Nun, das
     verstehe ich, so soll es sein. Das ist menschlich!“ freut sich Nikolai

     Iwanowitsch.
-  „А когда? В котором часу? Wi fil Ur?“ fragt Glafira.
-  „Um sieben“, lautet die Antwort.
-  „Merci...danke, na, Gott sei Dank, um sieben, noch zwei Stunden... die
   müssen wir irgendwie rumkriegen...“ seufzt Glafira.


Es wird dunkel. Mit Ungeduld erwarten die Eheleute Königsberg. Als der Zug
endlich hält, zeigt sich ein großer, hell erleuchteter Bahnhof.
-   „Königsberg!“ ruft der Schaffner aus.
-   „Gott sei Dank! Endlich!“

Die Passagiere strömen aus den Waggons, auch Nikolai Iwanowitsch und
Glafira Semjonowna steigen aus. Drei Züge stehen da, eine dichtgedrängte
Menge Menschen. Einige steigen ein, andere aus, Gepäckträger tragen und

fahren Kisten und Taschen, um sie herum Lärm, Geschrei, Pfiffe,

Gebimmel, das Klopfen von Hämmern auf den Rädern.

-   „Das ist ja die Hölle!“ bricht es aus Nikolai Iwanowitsch unwillkürlich
    heraus, „Hier verliert man jegliche Lebensfreude. Warte, Glascha, wir
    müssen uns merken, aus welchem Zug wir gestiegen sind...siehst du,
    unser steht in der Mitte...jetzt schnell zum Buffet“.
-  „Nein, Liebling, erst muss ich auf die Toilette... mich zurechtmachen. Die
    ganze Zeit sind wir nicht ausgestiegen, und du weißt selber, dass es im
    Coupe keine Toiletten gibt... bevor ich nicht auf der Toilette war“ beharrt
    Glafira, „kriege ich nichts runter“.
-  „Wie kannst du dich zurechtmachen wollen, wenn wir uns so beeilen
    müssen? Der Zug wartet doch nur zwölf Minuten, und wer weiß, was
    deutsche Minuten sind - vielleicht sind die ihrigen nur halb so lang! Komm
    schnell!“
-  „Nein ich kann nicht, ich muss erst auf die Toilette... und bitte komm mit
    und warte vor der Tür, sonst finden wir uns nachher nicht mehr wieder“.
-  „Frauenvolk!“ flucht Nikolai Iwanowitsch und macht sich mit seiner Frau auf
    die Suche nach der Damentoilette. Glafira schließt schnell die Tür hinter
    sich, ihr Mann wartet. Fünf Minuten vergehen, da erscheint sie wieder, wird
    aber am Mantel von einer Frau in weißer Haube festgehalten, die etwas
    auf Deutsch murmelt.
-  „Nikolai Iwanitsch, gib der Alten um Himmelswillen etwas deutsches Geld,
    oder du kannst mich abschreiben..“ ruft Glafira, „nichts gibts hier umsonst,
    alles kostet... zwei russische Groschen hab ich ihr gegeben, aber sie
    nimmt sie nicht...“
-  „Auf der Bahnhofstoilette bezahlen... was ein Volk! Was für eine Einrichtung
    hier in Deutschland...“

Nikolai Iwanowitsch steckt der Frau Geld zu, und sie laufen schnell zum Buffet,

die Gepäckträger anstoßend. Im Buffet - aufgestellte Tische, auf den
Tischen - Teller mit Suppe. „Table d’Hôte für 3 Mark pro Person“ liest Glafira Semjonowna auf dem Schild.
-   „Hier gibts ein komplettes Abendessen für drei Mark, lass uns schnell
     einen Platz besetzen“ bestimmt ihr Mann und zieht schnell einen Stuhl
     heran, um sich zu setzen, doch ein Kellner schiebt ihn beiseite und
     murmelt      etwas auf Deutsch. Nikolai Iwanowitsch starrt ihn an.
-   „Wie? Was? Мы  есть хотим...эccen...mittag эccen...“ stottert Glafira
     Semjonowna.

Der Kellner erwähnt das Wort „Telegramm“, zwei Männer treten hinzu,

sprechen ihn mit Namen an und besetzen den Platz am Tisch, auf den

sich Nikolai Iwanowitsch kapriziert hatte.

-  „Was soll denn das bedeuten?“ entrüstet er sich, „da wartet man und
    wartet, und endlich angekommen, gibts kein Essen, man erlaubt einem
    nicht, sich hinzusetzen! Die einen dürfen sitzen, aber die anderen nicht!
    Ich zahl ein Heidengeld für diese Reise!“

Mit der Erwähnung des Telegrammes bringt ihn der Kellner nur umso mehr
auf. Schließlich erscheint irgendein Russe, der, als er sieht, dass seine
Landsleute nicht verstehen, was von ihnen gewollt wird, versucht, es ihnen
zu erklären.
-   „Dies ist ein Table d’Hôte auf Bestellung...das Abendessen muss man
     vorher telegrafisch bestellen,“ sagt er, „geruhten Sie, von unterwegs
     ein Telegramm zu schicken?“
-  „Was für ein Telegramm? Abendessen auf Telegramm? Was ist das
     denn für eine Einrichtung!  Glascha! Hast du das gehört? - Ich danke
    Ihnen vielmals“ sagt er auf  Russisch, „für die Aufklärung, aber wir wollen
    essen und trinken. Gibt es hier denn tatsächlich nichts ohne Telegramm?“
-   „Sie können nach der Karte bestellen, was beliebt...“
-   „Na also! Diener - Mensch, essen! Schnell irgendwas essen
    und Bier trinken!“ krakeelt Nikolai Iwanowitsch, „Zwey порций“.

Der Kellner erscheint, führt die Eheleute zu einem anderen Tisch,

rückt ihnen die Stühle ab und überreicht die Karte.

-   „Wir können doch jetzt nicht die ganze Karte durchgucken, mein Freund -
      Давай две котлеты или два бифштекса“.
-   „Zwei Koteletts, der Herr, bitteschön...“ antwortet der Kellner und läuft nach
dem Verlangten, aber gleichzeitig erscheint ein Bahnangestellter und  kündigt
irgendetwas auf Deutsch an, dabei Berlin erwähnend. Viele Gäste springen
von den Tischen auf und machen sich anheischig, zu zahlen.

-   „Herr im Himmel, was ist das denn? Fährt denn unser Zug schon ab?
     Sollen wir etwa ohne Essen und Trinken wieder los? Berlin?"  fragt er
     den Angestellten.
-   „Berlin!“
-   „Glascha! Lauf! Sonst verspäten wir uns!“

Die Eheleute springen auf, als der Kellner mit den Koteletts erscheint.
-   „Keine Zeit mehr, keine Zeit...“ schreit Nikolai Iwanowitsch, „Давай скорей
     эти две котлеты. Glascha, die nehmen wir mit...wickel sie ins Taschen-
     tuch.. вот так...Glascha, nimm noch Brot mit vom Tisch...essen wir
     alles  im  Waggon...Человек! Mensch! Получай... вот две Poltini ...
     мало? Вот ещё третья... Glascha! Schnell, wir kommen zu spät...
     Was für ein Durcheinander hier....“

Beim Rennen bleibt Glafira zurück: „Nikolai Iwanowitsch! Nikolai Iwanowitsch!
    Mein Rock rutscht mir runter...“
-   „Scheiß drauf, Matuschka, lauf!“

Sie rennen aus dem Restaurant, stürzen zum Zug und klettern in den Waggon.